Brasilien - Ein Reisebericht Drucken

der zweite teil der reise

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Gestern waren wir also auf dem Überflug über den größten "Nebenfluss" der Welt - bei knapp 2500 km Länge eine etwas irreführende und untertreibende Bezeichnung - mit seinem tiefschwarzen Wasser und den tausend endlos langgestreckten Inseln der Anvilhanas. Der Rundflug mit dem alten Wasserflugzeug der Marke Cessna war überwältigend: um besser fotografieren zu können haben wir die Türe ausgebaut - so waren wir trotz einer Flughöhe von mehreren hundert Metern dem Riesenfluss und dem umgebenden endlos erscheinenden Urwald noch unmittelbarer nahegerückt.

Die Spannung vor dem Start stieg ins unerträgliche, da wir wegen einem heftigen Gewittersturm zunächst am Boden festsaßen bis der Pilot grünes Licht gab und wir nach stundenlangem Warten endlich losfliegen konnten. Zunächst ging es Richtung Südosten zum gewaltigen Naturschauspiel des "Encontro das Aguas" (Zusammentreffen der Wasser"), wo der tiefschwarze Rio Negro in den schlammgetränkten hellbraunen Rio Amazonas mündet. Gigantische Wirbel zwischen den beiden gewaltigen Strömen, die man nur aus der Luft in ihrer Gänze überblicken kann, machen das Schauspiel noch eindrucksvoller. Die Wasser der beiden Flüsse mischen sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Chemie zunächst nicht und fließen bis zu 12 km nebeneinander her - Coca Cola meets Vollmilchschokolade! Ein gefundenes Motiv für jeden Naturfotografen!

der zweite teil der reise


Dann ging es zurück in die andere Richtung mit einem kleinen Abstecher über die Stadt Manaus, die sich in ihrer ganzen Hässlichkeit, dem Chaos und Schmutzigkeit unter uns ausbreitete. Wie ein Krebsgeschwür mit zerfransten Rändern frisst sie sich unaufhörlich und unkontrolliert in den grünen Regenwald weiter und weiter hinein.

Nach ca. 45 min Flug erreichen wir - wir haben Manaus mit seinen verstörend wirkenden Hochhäusern und Elendshütten auf Stelzen am Fluss längst hinter uns gelassen, die ersten richtigen Regenwaldflächen - ein Meer aus üppigem Grün breitet sich bald tief unter uns aus, bis an den Horizont nur Bäume und kleine Flüsse die sich langsam in malerischen Haarnadelkurven durch den Wald schlängeln. Besiedlung sieht man jetzt nur noch sehr vereinzelt und irgendwann gar keine mehr - wir sind komplett von der grünen Hölle umgeben. Hier kreisen wir ein paar mal und fotografieren im Detail die nebelverhangenen verwunschenen Waldflächen und Flussbiegungen. Gerade hatte der Himmel noch heftige Wolkenbrüche über dem Wald abgelassen als jetzt allmählich die Sonne durch kommt und die großen Gewitterwolkenberge vertreibt. Bestes Licht für den Fotografen - ein spektakulärer Himmel in dramatischem Licht der gegeneinander kämpfenden Elemente gehüllt! Unter uns gibt es nur sumpfige Überschwemmungswälder - sogenannte "Igapos" (dt. "Schwarzwasserwälder"), die durch die in der momentan vorherrschenden Regenzeit über die Ufer getretenen Flüsse z.T. bis in die Baumkronen unter Wasser gesetzt sind. Diese Wälder besitzen aufgrund der sie speisenden nährstoffarmen Schwarzwasserflüsse und deren hohem Säuregehalt (bis zu 3,5 pH! - aufgrund der sie enthaltenden Huminsäuren) eine ganz eigentümliche Flora und Fauna. Hier gibt es auch dementsprechend im Gegensatz zu den Sediment- und nährstoffreichen Weisswasserflüssen wie dem Amazonas keine lästigen Moskitos, die dort wiederum in unerträglichen Massen vorkommen.

In der Ferne weiter Richtung Nordwesten blitzt dann bald wieder der Rio Negro in der Abendsonne und man sieht schon von weitem die langgestreckten Inseln der Anavilhanas wie gigantische grüne Schlangen zu dutzenden Reihe um Reihe nebeneinander im Wasser liegen - unser eigentliches Ziel. Die dicht mit Bäumen bewachsenen Inseln sind aus Flusssedimenten in Jahrhunderten gewachsen, stehen jetzt zur Regenzeit hoch im Wasser und schlängeln sich oft nur wenige Meter breit und oft Kilometer lang wie ein Schleier in langen Reihen nebeneinander den Strom hinab. Sie haben hier am unteren Rio Negro viel Platz sich auszubreiten - der Fluss ist hier an seiner breitesten Stelle 15 (!) km breit. Nicht einmal vom hoch fliegenden Flugzeug können wir den Strom hier in seiner ganzen Breite überblicken! Man kann diese Wassermassen, welche sich hier den Rio Negro hinunterschieben gar nicht in Worte fassen - die Sprache findet keinen Ausdruck für dieses gewaltige Naturschauspiel!

Dann - nach der viel zu kurzen Zeit von gefühlten 15 Minuten Flugzeit (in Wirklichkeit waren es 2 Stunden!) meldet sich der Pilot bei uns immer noch völlig aufgeregten Fotografen, dass wir nun leider zurück müssen, da uns bald der Sprit ausgehen wird. Schweren Herzens sehen wir es ein und lassen die "Schlangeninseln" hinter uns um rechtzeitig vor Einbruch der Nacht - die ja hier sehr schnell kommt - wieder am Pier zu landen. Morgen ist wieder Organisationstag, bevor es am Sonntag in aller Frühe um sieben mit der Propellermaschine den Rio Negro 500 km Flussaufwärts in das gottverlassene Städtchen Barcelos geht, dem Ausgangspunkt für unser nächstes Abenteuer: Der auf 14 Tage veranschlagten Expedition zu den nebelverhangenen Tepuis der Serra Aracá an der venezuelanischen Grenze - weit weg von jeglicher Zivilisation, nur ein paar Indianerdörfer auf dem Weg - in the middle of endless Rainforest!