Brasilien - Ein Reisebericht Drucken

der vierte teil der reise

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Nachdem Markus und ich dem feuchtheissen Klima des Amazonas im Norden Brasiliens und der schmutzigen Millionenstadt Manaus entflohen waren und unser Amazonas Abenteuer erfolgreich aber halb krank beendet haben, sind wir nach einem 3 tägigen Zwischenstopp in der sogenannten Zivilisation in der lärmenden und stinkenden Monsterstadt São Paulo (18 Mio. Einwohner!) wo wir noch ein paar organisatorische Dinge erledigen mussten, endlich wieder in der Natur gelandet - wir befinden uns mittlerweile im Kleinstädtchen Bonito im zentralbrasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul.

Der Ort wird als “Hauptstadt des Ökotourismus” bezeichnet und kann in seiner Umgebung mit allerlei Naturwundern aufwarten. Hier beneiden wir allerdings wieder Euch die ihr in der fernen Heimat seid für euer momentanes schönes Sommerwetter, denn nun befinden wir uns in einer Region weit südlich des Äquators (ca. 2500 km südlich von Manaus - und immer noch im selben Land!) wo schon Subtropisches Klima vorherrscht und hier entsprechend auf der Südhalbkugel bald der brasilianische “Winter” Einzug hält. Nachts geht die Temperatur auf 10 °C runter, tagsüber wirds mit 15 °C auch nicht viel wärmer zumal die Sonne bisher noch auf sich warten ließ - wobei man bedenken muss, dass die Temperaturen draußen nie gleichen wie drinnen sind - denn Heizungen gibts hier nicht! Dementsprechend ist das vorherrschende natürliche Landschaftsbild hier die offene Savanne (mit ihrem typischen brasilianischen Vertreter - dem Cerrado) oder der Saisonale Laubwald, der anders als der tropische Regenwald am Amazonas eher von niedrigerem Wuchs ist, oft dicke Rinden gegen Trockenheit und Feuer entwickelt hat und im hiesigen Winter zum großen Teil seine Blätter abwirft.

Leider ist von dieser natürlichen Vegetation hier im Gebiet kaum noch was übrig, der größte Teil der Region wurde in den vergangenen Jahrzehnten in Weide- oder Ackerland verwandelt und die ebenfalls artenreiche Savanne musste endlosen Maisäckern und Plantagen oder eintönigen Weideländereien, die voller 100.000der weißer Rinder stehen - die typische Rasse hier, reine Fleischlieferanten. Brasilien ist immer noch der größte Rindfleisch und Futtermittelexporteur der Welt (in Form von Soja) und ein Großteil des Fleisches geht auch nach Europa. So sorgen auch wir in Deutschland dafür, dass hierzulande einzigartige Landschaften wie der tropische Regenwald und die Savanne und mit ihr unzählige Arten für immer vernichtet werden.

Auf dem Weg von der Hauptstadt Campo Grande nach Bonito (320 km) können wir auch die sozialen Auswirkungen der endlosen Gier nach Weideland deutlich am Rande des Highway erkennen: Alle paar Kilometer breiten sich entlang der Böschung die Camps der "Sem Terra" - der Landlosen aus, die in ihren primitiven Behausungen aus notdürftig zusammengeschusterten Holzgestellen, Plastikplanen und Wellblechdächern ihr menschenunwürdiges Dasein fristen. Sie sind - wie die Favela (Elendsviertel) Bewohner der Großstädte die Verlierer der aufstrebenden brasilianischen Konsumgesellschaft, oft von ihrem angestammten aber nicht verbrieften Land von Rinderbaronen vertrieben, während sich nebenan die Großgrundbesitztümer einzelner Fazendeiros so groß wie bei uns ganze Landkreise oder noch größer ausbreiten. Eine krasse Ungleichverteilung von Wohlstand und Landbesitz die zwangsläufig zu großen sozialen Problemen und Spannungen führt.

Dennoch können hier wieder ausgiebig staunen über das die brasilianische Natur hier zu bieten hat: 50 km entfernt von Bonito, auf dem Besitz eines Fazendeiros, der einen Teil seines Landes als staatlich anerkanntes Schutzgebiet ausgerufen hat (eine sog. RPPN = Reserva Particular da Patrimonia Natural - Privates Naturreservat, eine Schutzkategorie, die es bei uns so nicht gibt) befindet sich das Buraco das Araras ("Das Loch der Aras"), eine gigantische Doline die vor Urzeiten eingestürzt ist und ein Loch von über 100 m Tiefe und 500m Umfang hinterlassen hat. In den rostroten Sandsteinklippen der Doline nisten Dutzende von farbenprächtigen roten Aras, die den Einsturzkrater mit lauten Gekreische und allerlei waghalsigen Flugmanövern erfüllen, sehr zur Freude von Naturfotografen und sonstigen Besuchern. Wenn die Aras gegen Mittag zum Massenstart aus den umliegenden Bäumen starten ist der Himmel voller in der Sonne strahlender rot-blau-grüner Vögel und man versteht vor lauter Gekrächze und Gekreische sein eigenes Wort nicht mehr! Was für ein beeindruckendes Naturschauspiel! Unsere Kameras liefen heiß!

In der Nähe des Buracos ist eines der eigentlichen Highlights für das sich Bonito rühmt - die Klarwasserflüsse mit ihren unglaublichen Fischreichtum und kristallklarem Wasser mit einer Sichtweite von über 30 m unter Wasser! Hier ist einer dieser Flüsse der Rio da Prata - der Silberfluss. Gelegen in einem Tal mit üppigen Galerie-Urwald schlängelt er sich gemütlich und unberührt von menschlicher Zerstörungswut durch die Wildnis. Hier ist alles bestens und streng geregelt um möglichst keinen negativen Impact durch den Ökotourismus zu hinterlassen: Pro Tag dürfen insgesamt nur 150 Leute das Naturwunder per Taucherbrille und Schnorchel bestaunen, jeweils in Kleingruppen von 8 Leuten geführt von einem zertifiziertem Guide. Auch hier handelt es sich um eine RPPN, ein privates Schutzgebiet, der Besitzer des Landes hat verstanden dass man auch mit der Natur und nicht nur mit Rindern Geld verdienen kann und erhält entsprechend die Wildnis und pflegt die Wege in seinem Park aus den Erlösen des Eintritts, der sich auf satte 50 Euro beläuft. Dafür wird aber die Natur erhalten und man wird mit einem Pickup mit Guide zum Einstieg in den Wald gebracht, 2 Stunden durch den Urwaldfluss geführt und am Ende wieder abgeholt und bekommt dann dort im Resort am noch ein kräftiges Mittagessen. Man kann hier nichts auf eigene Faust machen, so wird garantiert dass alles mit möglichst geringer Auswirkung auf Natur und Umwelt abläuft - vorbildlicher kann sanfter Ökotourismus kaum sein.

rio da prata

Der Trip ist auch sein Geld wert: Nach einer kurzen Belehrung über das empfindliche Ökosystem dass man gleich bestaunen darf, bekommt man Neoprenanzug und Taucherbrille, zieht sich um und wird mit dem Pickup Truck an den Waldrand gefahren. Auf dem Weg durch die Savannenlandschaft kann man Nandhus (Strauße Südamerikas), Seriemas und mit etwas Glück den Grossen Ameisenbären beobachten. Am Ausstiegsort geht es dann auf einen 20 minütigen Spaziergang durch den Saisonregenwald, voller großer Bäume mit verschlungenen Lianen und dicken Wurzeln. An jedem größeren Baum hängt ein Schild, wo eine Information über die jeweilige Baumart steht. Plötzlich hält der Guide an und deutet nach vorne auf unserem Weg, wo 2 große Mutums stehen (2 Truthahngrosse Baumhühner). Wir sind auf einem regelrechten Lehrpfad! Dann kommen wir endlich am Fluss an. Man blickt auf einen ca. 100 m durchmessenden türkisblauen und kristallklaren Tümpel, der Quelltopf, in welchen das Wasser unterirdisch durch den Kalksteinuntergrund hinaus gepresst wird, der wie ein Filter wirkt - daher die unglaubliche Klarheit des Wassers.

Schon von außen sieht man die dicken bunten Fische im Wasser schwimmen. Auch hier weist der Führer auf die Empfindlichkeit des Ökosystems hin und ermahnt uns möglichst nicht mit den Füßen an den ca. 2 m tiefen Grund zu kommen, da man ansonsten alles Bodensediment aufwirbelt und sofort die Sicht behindert wird. Nach links verschwindet dann der Fluss hinter einer Biegung im Wald, von wo wir dann später unseren Schnorcheltrip antreten. Doch zunächst werden wir von unserem Guide im Quelltümpel herumgeführt um sich an die Umgebung zu gewöhnen Man tritt bzw. taucht über eine Holztreppe in die verzauberte Welt des Kristallflusses ein: Eben stand man noch im von Vogelgezwitscher erfüllten, üppig grünen Urwald und plötzlich ist man in einer stummen aber bunten, türkisfarbenen und verzauberten Unterwasserwelt gelandet, die sich mit jedem Korallenriff in der Karibik messen kann - mit dem Unterschied dass man sich hier im Süßwasser befindet. Im Wasser liegen umgestürzte Baumstämme und Büsche, die unzähligen bunten Fischen mit ihrem Geäst Schutz bieten vor größeren Raubfischen. Im offenen Wasser schwimmen Forellengrosse Piraputingas mit ihren schwarzorange gestreiften Schwanzflossen, die häufigste Fischart hier. Am Grund wühlen karpfenähnliche Curimbatá im Schlamm nach Nahrung und weiter vorne wo der eigentliche Kristallfluss beginnt, stehen 3 große, über einen halben Meter lange goldgelbe Dourados in der Strömung - der größte Raubfisch und Herrscher der Klarwasserflüsse. Am hinteren Ende des Sees erkennt man am sandigen Grund die Quellhorizonte wo das Wasser durch den Sand hinaus gepresst wird - der Sand brodelt an diesen Punkten als ob er kochen würde.

Nach einer kurzen Schwimmrunde geht es ab in den Fluss, durch den man sich einfach mit der Strömung langsam entlang treiben lässt - begleitet von neugierigen Fischen, über leuchtend grüne Wasserpflanzenteppiche hinweg und vorbei an Felsen und ins Wasser ragende Äste und hingestürzte Baumstämme geht es durch verzauberte Unterwasserlandschaften. Man kann sich nicht sattsehen an der Farbenpracht und merkt kaum dass man weiterfloatet, so gemütlich langsam wie der Fluss sich durch den Wunderwald schlängelt. Das Wasser ist an den tiefsten Stellen höchstens 1,50m tief, sodass man bei Bedarf auch stehen könnte, obwohl man gebeten wird das möglichst zu unterlassen. Auf einem Ast über uns sitzt ein Trogon, ein farbenprächtiger Vogel, Verwandter des Quetzals, des heiligen Vogels der Maya und schaut neugierig auf die schwarzgekleideten Zweibeiner, die sich hier aus dem Wasser erheben.

An einer Stelle wird die Strömung plötzlich sehr schnell und stark und der Guide winkt uns ans Ufer, hier ist ein Halteseil quer über den Fluss gespannt, damit man nicht durch die starke Strömung abgetrieben wird. Hier müssen wir an den folgenden Stromschnellen aus Sicherheitsgründen kurzzeitig den Märchenfluss verlassen und ein Stückchen über Land gehen, bevor wir dann wieder eintauchen dürfen ins Unterwasserparadies. Markus hat mit seinem schweren klobigen Unterwassergehäuse alle Mühe mit der Gruppe mitzuhalten und dann auch noch Fotos zu machen, aber irgendwie kriegt er es hin. Der Guide hält ihn kurzerhand an seiner Schwimmweste in der Strömung fest und klammert sich selbst an einen Baumstamm, so dass Markus in aller Ruhe einen riesigen Schwarm von Curimbatás fotografieren kann. Wir sehen 2 gigantische Dourados, über 1,20m lang mit ihren großen scharfbezahnten Mäuler, die uns misstrauisch anglotzen. Dann taucht ein Schwarm von dicken, schwarzen Pacús auf - fruchtfressende bis zu 50 cm große Fische mit fast runder Körperform, die mit ihrem Nussknackergebiss auch dicke Samen knacken können und so für die Verbreitung von Pflanzen übers Wasser sorgen.

Am Ende des Fluges durch die Unterwassermärchenwelt erwischt uns dann ein fetter Wolkenbruch im Wald und instinktiv will man tiefer untertauchen um nicht "nass" zu werden - was ein dämlicher Reflex! Eine völlig neue Erfahrung einen prasselnden Regen unter der Wasseroberfläche zu sehen: von unten sieht die Oberfläche wie eine silbrig glänzende tänzelnde Kristalldecke aus. Einigermaßen durchgefroren kommen wir dann bei der Mündung in den größeren Fluss am Ende unseres Trips an und werden von einem wartenden Boot mit kleinem Elektromotor aufgenommen und wieder zum wartenden Pickup gebracht. Was für ein Naturerlebnis! Erst jetzt merken wir beim Blick auf die Uhr dass wir über 2 Stunden unterwegs waren, die Zeit verging wie im Flug bzw. wie beim Tauchen! Wir sind uns einig dass wir selten was schöneres gesehen haben! Wenn die Brasilianer nur überall so schonend mit ihren Naturschätzen umgehen würden! Aber wir haben es ihnen ja in den vergangenen Jahrhunderten selbst vorgemacht, wie man die Natur ausbeutet und zerstört!

Als nächstes steht eine Exkursion in die Savanne an, die hier an einigen Stellen noch natürlich erhalten ist und dann geht es nach Nordostbrasilien, nach Ilheus, wo wir im Küstenregenwald die kleinen vom Aussterben bedrohten Goldmähnenäffchen fotografieren wollen.