Brasilien - Ein Reisebericht Drucken

der fünfte teil der reise

Tag 01 bis 05  ||  Tag 06  ||  Tag 07 bis 19  ||  Tag 20 bis 27  ||  Tag 30 bis 35 

Während ich diese Zeilen schreibe, liegen bereits wieder einige Abenteuer und Naturerlebnisse im größten tropischen Land der Erde hinter uns. Nachdem wir am 5. Mai Campo Grande mit einem halben Tag Verspätung endlich verlassen hatten und durch unseren verpassten Anschlussflug zwangsweise eine Nacht am Flughafen von Sao Paulo auf der Isomatte verbringen mussten, kamen wir am 6. Mai, am Sonntagvormittag um 9:30 h an unserem nächsten Etappenziel Ilheus in Bahia/Nordostbrasilien etwas gerädert an. Hier wollten wir in den letzten verbliebenen Küstenregenwaldfragmenten der nördlichen Mata Atlantica die seltenen Goldkopflöwenäffchen fotografieren.

Die Goldkopflöwenäffchen (Portugiesisch „Mico Leao de cara dourado) gehören zur Familie der neuweltlichen Krallenaffen und leben wie alle 4 Arten der Löwenäffchen im Bereich des Atlantischen Regenwaldes zwischen Bahia im Nordosten und dem Bundesstaat Paraná im Süden. Alle 4 Arten sind aufgrund der weitgehenden Zerstörung ihres Lebensraums vom Aussterben bedroht. Sie sind damit ein Symbol der seit 500 Jahren andauernden Vernichtung des als am artenreichsten geltenden Waldgebietes der Erde - der brasilianischen Küstenregenwälder, die heutzutage bis zu 90% zerstört sind. Während vor der Ankunft der Europäer sich die Wälder über 3500 km entlang der brasilianischen Süd- Ostküste entlang zogen, verteilen sich heute die verbliebenen 10% auf nicht zusammenhängende Fragmente unterschiedlicher Größe von wenigen Hektar bis hin zu Waldflächen von mehreren 1000 ha. Kein Vergleich also zu den noch endlos anmutenden Weiten der riesigen Amazonas Tieflandwälder. Und immer noch wird der Atlantische Wald weiter vernichtet. Hier im Nordosten ist er nahezu vollständig zerstört, während im Süden noch größere zusammenhängende Flächen existieren.

Mittlerweile haben sich die Goldkopflöwenäffchen auch an die dortige Sekundärvegetation (der sogenannten "Cabruca") angepasst, die heutzutage die vorherrschende Vegetationsform in der Küstenregion Süd-Bahias ist. Die Cabruca ist eine Art Agrar-Wald-Mischwirtschaftssystem in dem der Kakao - Hauptexportartikel der Region - in Plantagen angebaut wird. Da die kleinen Kakaobäume Schatten benötigen, wurden bei der Umwandlung des ursprünglichen Waldes in Plantagen die großen Urwaldbäume als Schattenspender stehen gelassen und die Kakaopflanzen ins Unterholz gesetzt. So entstand dort vielerorts eine zwar degradierte aber strukturreiche und recht naturnahe Wald-Plantagen Mosaiklandschaft mit immerhin größtenteils einheimischen Gehölzen, die den seltenen Löwenäffchen und vielen Waldvogelarten eine Ersatzheimat bieten kann. Leider ist diese Agroforst-Vegetation nun selbst von der Umwandlung bedroht. In den 80er Jahren brachen die Preise für Kakao in Brasilien dramatisch ein und zu Beginn der 90er kam zusätzlich eine Pilzerkrankung (Moniliophtera perniciosa) über die Kakaoplantagen, die über die Hälfte der Kakaobäume abtötete. Das perfide daran: Es spricht viel dafür, dass damals ein hochrangiger Politiker und Kakaobaron der Region diesen Pilz selbst in Umlauf gebracht hatte, um sich Konkurrenz von anderen Kakaobauern vom Leib zu halten. Anschließend ist die Krankheit jedoch ausser Kontrolle geraten und hat sich rasch in der ganzen Region ausgebreitet. Beweisen konnte man die Tat jedoch nie. Diese Entwicklungen zwangen die Plantagenbesitzer ihre Wirtschaftsweise zu ändern und einen Großteil der Cabruca in Kuhweide oder Ackerland zu verwandeln. So sind nun auch die Löwenäffchen der Cabruca erneut bedroht.

goldkopfmaehnenaeffchen

Ilheus selber ist eine alte Küstenstadt im tropischen brasilianischen Nordosten, eine Region wo vor 500 Jahren die Geschichte des tropischen Riesenreichs begann. Die Stadt ist typisch wie der brasilianische Nordosten chaotisch, unorganisiert, hektisch, schmutzig und vom tropischen und regenreichen Atlantikklima gezeichnet - die alten Häuser stammen oft noch aus dem 19. Jahrhundert, wirken etwas schäbig und sind mit schwarzen Stockflecken überzogen. Auf den Straßen herrschen anscheinend keine Verkehrsregeln (was wir ja von Manaus schon gewohnt waren). Wir kamen damit nun in einen weiteren von den bisherigen Etappenzielen völlig verschiedenen Kulturkreis - der afro-brasilianischen Region Brasiliens. Die Bevölkerung besteht zum größten Teil aus Farbigen, Nachkommen afrikanischer Sklaven, die früher in den Zuckerrohr- und Kakaoplantagen schuften mussten. Ganz anders als in Amazonien wo die meisten Menschen kantig-indianische Gesichtszüge hatten, sind hier die Leute eher afrikanisch anmutend und man glaubt sich eher in Afrika als in Südamerika. Die Stadt selbst liegt ganz hübsch an der Mündung des Rio Ilheus, hat einen alten Stadtkern mit einer prächtigen Kathedrale und vor ihren Toren lange weisse Sandstrände zu bieten. Berühmt ist die Stadt als Zentrum der Verarbeitung und des Vertriebs von Kakao, welcher im Hinterland angebaut wird. Die Küste nördlich und südlich von Ilheus heisst daher nicht umsonst "Costa de Cacao" (Kakaoküste).

Wir hatten im Vorfeld über meinen alten Freund und Primatologen (Affenforscher) Rodrigo Cambará aus Porto Alegre den Kontakt zu einem Projekt der Verhaltensforschung an Löwenäffchen unter der Leitung von Leonardo Oliveiro aus Rio vermittelt bekommen und hatten vereinbart die Forscher des Projekts im Feld zu begleiten. Eine der Affenfamilien, die wir fotografieren wollten, ist auf dem Besitz einer Kakaofarm zuhause, wo die Tiere täglich auf der Suche nach Nahrung durch die Cabruca streifen. Wir wollten denn auch schnellstmöglich zur Farm raus fahren um mit dem Fotografieren beginnen zu können - wir hatten ja schon genug Zeit verloren. Blieb noch die Frage der Unterkunft zu klären, denn ein Hotelzimmer in der Stadt kam aufgrund der Entfernung zur Farm kaum in Frage. Wir wurden also erstmal vom Flughafen im völlig überladenen Fiat Uno von Leonardos Feldassistenten Bila abgeholt, der uns dann - ständig laut über die anderen Autofahrer schimpfend - durchs geschäftige Chaos von Ilheus zu unserem Einsatzort auf der Kakaofarm 35 km ausserhalb der Stadt gebracht hat. Es ging gleich hinter der Stadtgrenze aufs platte Land hinaus, vorbei an Kakaofabriken (die einen penetranten schweren Kakaogeruch verbreiteten), weitläufigen Hügellandschaften mit kleinen Subsistenzwirtschaften, Bananenplantagen und bald den ersten Kakaofarmen. Diese sind als solche zunächst gar nicht zu erkennen und das ungeübte Laienauge könnte diese Vegetation zunächst als intakten Wald ansehen - dagegen befinden wir uns bereits mitten in der bereits erwähnten Cabruca.

Nach einer halben Stunde rasanter Fahrt in Bilas Uno biegen wir von der Asphaltstraße auf eine Erdpiste ein, links und rechts der Strasse auch hier wieder der traurige Anblick einiger primitiver Acampamentos der Landlosen Bewegung (siehe Tag 20-27). Es geht über die holprige Piste durch die Cabruca ohne Rücksicht auf die Stoßdämpfer des kleinen PKW bis zu einem großen alten Holzportal, dem Eingang zu unserer Kakaofarm - Fazenda Almada. Wir fahren 10 Minuten durchs offene Gelände, Bila begrüßte die Farmarbeiter, an denen wir vorbeikommen, laut hupend und rufend. Der Verwalter der Farm, Senhor Chico auf dem Pferd daher reitend, grüßte uns laut Sprüche klopfend zurück. Wenig später stehen wir vor dem alten Herrenhaus der Farm und fühlen uns wie ins 19. Jahrhundert in einen Roman von Isabel Allende zurückversetzt: Die weiße herrschaftliche Villa im Kolonialstil steht auf einer kleinen Anhöhe und ist von einem niedrigen Gartenmäuerchen umgeben. Das Eingangsportal besteht aus einem schmiedeeisernen Gitter, das ausschaut als ob es noch wirklich aus dem vorvergangenen Jahrhundert stammt. Wir treten durch das Tor ein durch die Eingangsauffahrt und den kleinen blumenreichen Vorgarten und werden von der Besitzerfamilie - bestehend aus 3 Frauen aus 3 Generationen herzlich empfangen.

Über eine kleine Marmortreppe, mit dem Namen der Farm "Fazenda Almada" in blauen Keramiklettern in die Stufen eingelassen, kommen wir auf die Veranda. Die derzeitige Chefin - Juliana Torres, die mittlere Generation - Tochter von Dona Elisabethe und drahtige gut aussehende Mitdreißigerin freut sich sehr über die Anwesenheit von 2 Greenpeace Vertretern. Sie sieht unsere Gegenwart als gute Werbung für ihre Fazenda - die sie in Zukunft auch für den Ökotourismus öffnen möchte und bietet daher auch gleich an, dass wir hier im Haus nächtigen können. Als ich dann jedoch das schlossähnlich ausstaffierte Interieur des Hauses sehe, ist mir sofort klar, dass dafür unser mittlerweile knapp gewordenes Budget wohl nicht mehr ausreicht. Juliana versichert mir jedoch gleich mit einem unwiderstehlichen Lächeln "das mit dem Geld, das regeln wir dann schon später". Sie führte uns durch die Villa, während sich ihre Mutter entschuldigte, da sie sich unwohl fühlte. Wir traten durch die großzügige Holztüre ins Haus und standen im Foyer, dem Gemeinschaftsraum der Villa - einem 15 m langen Saal, an den Wänden allerlei antike Holzschränke, Regale und Zierkram, alte Gewehre, Bücher und Ölgemälde aus einer vergessenen goldenen Epoche. In der Mitte stand eine große Holztafel mit reichhaltig geschnitzten Stühlen. Auf dem Tisch befanden sich Silbergeschirr und üppige Blumengebinde. Links und rechts gingen 4 große Holztüren ab zu den 4 Zimmern und am hinteren Ende führten zwei große Flügeltüren auf die mit weißem Marmor geflieste Terrasse mit Blick auf den üppigen Garten, in dessen Mitte ein über und über mit Flechten und Tillandsien behangener alter Urwaldfeigenbaum stand. Hinter dem Baum am Ende des Gartens sah man auf den obligatorischen Swimming Pool. Vor der Villa lag ein liebevoll angelegter Ententeich mit Insel und Holzbrücke. Auf dem weiteren Gelände standen die Scheunen, Kakao-Dörren (wo die Kakaobohnen in der Sonne getrocknet werden) und die Häuser und Unterkünfte der Farmarbeiter. Die Farm ernährt insgesamt 8 Familien. Aber auch hier hat die erwähnte Pilzkrankheit zugeschlagen und der Preisverfall des Kakao seinen Tribut gefordert. Es mussten in den letzten Jahren viele Arbeiter entlassen werden.

Jedenfalls wurden wir dann standesgemäß im alten Herrenhaus der Fazenda Almada untergebracht und jeder von uns schlief in seinem eigenen Gemach in seinem "Himmelbett". Die Köchin des Hauses verwöhnte uns die folgenden Tage mit gutem hausgemachten Essen und wir waren froh dass wir direkt vor Ort bleiben konnten, um zu arbeiten und uns um nichts weiteres kümmern mussten, ausser um unsere Fotos von den Äffchen. Da investierten wir dann doch gerne einen Teil unseres restliches Budgets, wobei wir dabei ein Schnäppchen machten!

Sehr interessant war es dann auch die Kakaoverarbeitung mit zu erleben, die hier noch traditionell und mit viel hart Handarbeit durchgeführt wird. Die Ernte läuft über einen längeren Zeitraum von März bis September, wobei im August/September die Haupterntezeit ist. Die Kakaofrüchte, die ja direkt am Stamm wachsen, werden mit der Machete vom Baum abgeschlagen und noch in der Plantage geschält und die Kakaobohnen - das eigentliche Verarbeitungsprodukt grob vom fetthaltigen Fruchtfleisch befreit. Letzteres ist sehr wohlschmeckend und cremig süß. Das restliche Fruchtfleisch mit den darin enthaltenen Bohnen wird dann in Bottiche zur Fermentation gefüllt, wo die Pulpe bald darauf gärt und der entstehende Alkohol die beginnende Keimung der Kakaobohnen abbricht. Jetzt entwickelt der Kakao sein typisches Schokoladenaroma, wichtig für die spätere Weiterverarbeitung zur Schokolade. Nach der Fermentation werden die Bohnen auf großen Dörren zum Trocknen in der Sonne ausgebreitet, immer wieder umgewälzt und nach ca. 4 Tagen (je nach Wetter) in Säcke verpackt und in die Rösterei gebracht, von wo das Kakaopulver dann ins Ausland zur Schokoladenproduktion exportiert wird.

goldkopfmaehnenaeffchen

Doch nun zu unserem eigentlichen Ziel den Goldkopfmähnenäffchen. Die Tage begannen früh auf Almada - wir standen jeden Tag um 5:30 Uhr auf, um mit den ersten Sonnenstrahlen mit Bila im Wald zu stehen um möglichst keine günstige Gelegenheit zu verpassen die Affen aus nächster Nähe zu fotografieren. Die putzigen Äffchen bewegen sich in Kleingruppen von 3 bis 8 Individuen geschickt durchs Geäst der hohen Bäume und ernähren sich von allerlei Früchten und Insekten. "Unsere" Affenfamilie fanden wir dank der Telemetrie Technik von Bila und seinen erstklassigen Kenntnissen über die Äffchen immer wieder leicht im Gewirr des Cabruca Kronendachs. Doch fotografieren konnten wir sie deshalb noch lange nicht. Meistens blieben die Tiere weit oben unterm Kronendach in über 20 m Höhe, wo sie sich geschickt und schnell von Ast zu Ast hangelten, rannten und sprangen - Akrobaten ihres Meisterfaches! Sie bei ihrer rastlosen Nahrungssuche in den Baumkronen zu verfolgen und sie obendrein noch durch das Blätterdach gut in die Frames zu setzen war doch schwieriger als erwartet. Zumal bei starker Sonneneinstrahlung ab 10 Uhr vormittags das Licht im lichten Cabruca sehr kontrastiert und hart einfiel. Abends um 16:30 Uhr war meistens Feierabend, da sich die Tiere dann allesamt in ihr Nachtquartier - meist eine Baumhöhle - zurückzogen. Nach 4 Tagen Beobachtung der Affen und schweißtreibendes Gestolper durch das dichte Unterholz mit der Kamera und Teleobjektiv im Anschlag hatten wir dann doch einige wenige aber sehr gute Momente, um die erstaunlich unscheuen Tierchen adäquat aufs Foto zu bannen und konnten sehr gut ihr interessantes Sozialverhalten studieren. Dummerweise war ausgerechnet das Männchen am neugierigsten und kam uns immer am nächsten, welches die Telemetrieantenne um den Hals trug - nicht gerade sehr fotogen - und meistens merkten wir erst hinterher, dass wir wieder mal den "Radioman", wie wir das Tier tauften, in bester Position und Licht fotografiert hatten. Am Ende waren wir richtig traurig, dass wir das Paradies von Almada, wo die Zeit still steht, wieder verlassen mussten.

Aber wir wollten ja noch weiter zur letzten Station unseres Brasilienabenteuers - nach Curitiba und den Bergregenwäldern und Mangroven der südlichen Mata Atlantica, wo seit kurzem der brasilianische Winter begonnen hatte. Die warme Kleidung packten wir deshalb schon mal ganz oben in den Rucksack!